ein Signal: Vor dem schwarzen Bildschirm

Es sind genau zehn Bildschirme, die vor mir schweben. Links außen eine schrottige Doku über echte Polizisten. Daneben quält Dieter Bohlen junge Leute, die unbedingt berühmt werden wollen. Auf dem dritten und fünften Schirm laufen Berichterstattungen über die Anschläge in Paris. Dazwischen Musikvideos. Dann irgendetwas über Bauern. Ich bleibe hängen bei einer Fernsehserie über sechs krebskranke Jugendliche. Daneben irgendeine Folge der Filmserie Die Tribute von Panem, bei denen sich zur Unterhaltung der Zuschauer jenseits und diesseits der Bildschirme zum wiederholten Male zwölf Jugendliche gegenseitig abschlachten müssen. Und daneben verliert eine deutsche Jugendnationalmannschaft im Fußball gegen Italien. Der schwarze Bildschirm, vor dem ich auf einem der 40 Trainingsgeräte auf der Stelle trete, ist wohl kaputt gegangen. Er zeigt „Kein Signal“ an. Den habe ich mir ausgesucht, möglichst weit weg von den Nachrichten. Es erscheint mir als pietätlos hier dabei zuzusehen. Vielleicht ist es ohnehin geschmacklos, an diesem Sonntag Sport zu treiben. Aber ich weise meinen Gedanken zurück, dass uns genau diese Dekadenz zu einem probaten Feindbild macht.

ein Signal: Vor dem schwarzen Bildschirm weiterlesen

schwarmdumm: Digitale Mobs

Unter einem Schwarm verstehen wir eine unübersehbar große Gruppe an Tieren, die sich wie von einer unsichtbaren Macht in der Masse intelligenter verhalten, als es ihr Einzeldasein erwarten ließe. Dabei geht es in der Regel um Geschöpfe, die im Wasser oder in der Luft leben und denen es dementsprechend an Bodenhaftung fehlt. Sonst wären sie Rudel. Kein Mensch spricht von Hordenintelligenz. Horden von Menschen empfinden wir eher als bedrohlich. Im schlimmsten Fall werden sie zu Mobs, womit wir schon beim Thema sind. Es wäre so einfach, wenn das Internet entweder nur digitale Mobbildung oder Schwarmintelligenz hervorbringen würde. Aber man kann ja nicht einmal davon ausgehen, dass sich nur dumme Menschen zu einem Mob zusammenrotten. Wir sind ja nicht einmal vor Vögeln und Fischen – siehe Hitchcock und Schätzing – sicher. schwarmdumm: Digitale Mobs weiterlesen

auch das noch: Medienachtsamkeit

Nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag versuchte ich mich ganz bewusst auf einen entspannten Abend einzurichten. Allein zuhause wollte ich mal alle großen und kleinen Computer links liegen lassen. Ein TV-Dinnner sollte ich mir auch nicht durchgehen lassen, mir sogar das Zeitunglesen beim Abendessen versagen. Ohne Musik geht bei mir allerdings gar nichts. Damit gelingt mir zumindest die Zubereitung von Speisen, ohne dabei zu telefonieren. Viel weiter reichen meine Versuche, den Alltag achtsam und auch mal ganz ohne Medien zu gestalten in der Regel nicht. Aber immerhin langt es, um tief durchzuatmen und beim Kochen so etwas wie Achtsamkeit walten zu lassen. In solchen Momenten kann ich den Alltag mit Muße zelebrieren, was sich bisweilen etwas bedeutungsschwanger anfühlt. auch das noch: Medienachtsamkeit weiterlesen

moderne Nabelschnüre: Von Schnabelbechern und Smartphones

Während eines mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegenden medizinischen Praktikums in einer amerikanischen Klinik fiel mir diese Unart zum ersten Mal auf. Während der Visite hielten alle Ärztinnen und Ärzte weiße Pappbecher mit einem Plastikdeckel in der Hand, aus dessen Fortsatz sie unentwegt Kaffee in sich hineinschütteten. Schnabeltassen waren mir erstmals während eines Pflegepraktikums fünf Jahre zuvor begegnet. Heute muss ich wieder daran denken, wenn ich versuche Studenten oder Patienten klar zu machen, dass ich es unangemessen finde, während der Seminare und Therapiesitzungen zu trinken oder zu essen. Ich versuche dann mit Humor auf die wissenschaftliche Erkenntnis hinzuweisen, dass man tatsächlich ein, zwei Stunden ohne Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr überleben kann. Dass man abends auch ohne eine Flasche Bier in der Hand U-Bahn fahren kann, behalte ich vorsichtshalber für mich.

moderne Nabelschnüre: Von Schnabelbechern und Smartphones weiterlesen

old school: Der digitalen Bildungsoffensive zum Trotz

Der erbärmliche Zustand der Schulen in unserem Land fiel mir bereits als Kind unangenehm auf. Nicht nur mein Gymnasium sah ziemlich runtergekommen aus. Anstatt zu renovieren wurde ein Pavillon nach dem anderen angebaut. Auf dem Schulweg nachhause, vorbei an den öffentlichen Gebäuden und Geschäftshäusern der Stadt, dachte ich mir schon: Das sind wir Kinder unserer Gesellschaft also wert. Seit ich in meine Heimatstadt zurückgekehrt bin, muss ich feststellen, dass sich daran auch 25 Jahre später nichts geändert hat, ebenso wenig wie an dem beklagenswerten Zustand des Schulsystems selbst.

old school: Der digitalen Bildungsoffensive zum Trotz weiterlesen

digital divide: Eingeborene / Immigranten

Digital Natives und Digital Immigrants gegeneinander auszuspielen, geht gar nicht. Allein die Begriffe machen in diesem Zusammenhang schon wenig Sinn. Normalerweise bezeichnen wir Eingeborene nicht als fortschrittliche Avantgarde, sondern als ursprünglich, naturbezogen und im Zweifelsfalle rückständig. Und Immigranten sind im besten Falle Menschen, die sich – wenn man sie lässt – in die Lage versetzen, in zwei unterschiedlichen geographischen und kulturellen Lebensräumen zurechtzufinden. Wenn Migration gelingt, dann macht dies Menschen mental stärker, weil sich ihr Horizont weitet, weil sie sich in verschiedenen Sphären bewegen können, weil sie in der Lage sind, zwei Sprachen und Kulturen in sich zu vereinen. Diese individuelle Integrationsleistung kann aber nur gelingen, wenn Migration auf ein wohlwollendes Kollektiv stößt.  digital divide: Eingeborene / Immigranten weiterlesen