Serienopfer

Rita ist tot! – Wir konnten es nicht fassen, als am Ende der vierten Staffel von „Dexter“ die Frau des Protagonisten einem Serientäter zum Opfer fiel. Wie gelähmt blieben wir eine ganze Zeit lang vor dem Bildschirm sitzen. Wir fragten einander, ob Dexter ihren Tod nicht vielleicht doch nur geträumt hatte. Wir schauten sogar bei Wikipedia nach, ob sie denn nun wirklich gestorben ist. Noch einen Tag später waren wir von einer Art Trauer ergriffen, die wir ebenso unangenehm wie bizarr fanden. Kaum zu glauben, wie stark man mit Serienhelden mitfühlen kann. Dexter ist ein Serienmörder, der selbst für die Polizei arbeitet. Ich liebe Serien, bei denen ethische Konflikte von der unmoralischen Seite her aufgegriffen und durchgespielt werden. Wie man auch nach „Weeds“ und „House of Cards“ geradezu süchtig wird, kann ich nur allzu gut nachvollziehen. Serienopfer weiterlesen

Kapitulation vor den freunden

Hiermit gestehe ich meine Kapitulation ein. „Du bist ja nicht bei facebook!“ Dass ich diesem Verein nun doch beitrete, hat nichts damit zu tun, dass ich diesen Vorwurf nicht mehr hören kann. Nein, liebe echte Freunde, ich möchte Euren digitalen Lebenszeichen nicht mehr Aufmerksamkeit widmen und Euch weiterhin lieber sprechen und sehen, am liebsten live und in Farbe. Kapitulation vor den freunden weiterlesen

der Implosion entgehen: Bombenstimmung auf Bevölkerungsfesten

Vor kurzem im Fußballstadium. Zwei Horden von Männern aus allen möglichen Staaten dieser Welt repräsentieren zwei Städteim sportlichen Wettkampf gegeneinander. Die Bewohner dieser Städte stehen hinter ihnen und jubeln. Im Publikum bemerke ich immer mehr Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund (Dieser Begriff, über dessen politische Korrektheit ich mir unsicher bin, wird von Word interessanterweise für orthographisch inkorrekt erklärt). Auf den Stehplätzen wogt eine explosive amorphe Masse, die einen ebenso faszinieren wie ängstigen kann. Von diesem Fanblock halten sich die Afrikaner, die in den Sitzrängen Bier aus Spritzpistolen verkaufen, vermutlich fern. Und doch möchte ich an diesem Ort – bei aller Gefahr, dass hier mal eben ein Block geschlossen nach rechts kippen könnte – eine Stimmung ausmachen, die nicht zuletzt auch etwas mit Völkerverständigung zu tun hat. Um andere Arten von Explosionen zu vermeiden, nehmen alle gerne die strengeren Sicherheitskontrollen in Kauf. In die Bierseeligkeit des Fußballplatzes kann ich durchaus einstimmen. Darin in erster Linie eine primitive Dekadenz zu sehen, kann ich vielleicht nachempfinden, ist aber grundfalsch. der Implosion entgehen: Bombenstimmung auf Bevölkerungsfesten weiterlesen

eye-catching: Schau mir in die Augen, Großer

Wenn ich einen Vortrag halte, nutze ich wie die meisten oft ein Präsentationsprogramm. Die Zuhörer werden dabei immer mehr zu Zuschauern, wenn ich mit meiner Aufmerksamkeit zwischen Projektion und Publikum hin und her pendle. Wenn jemand dabei auf sein Smartphone schaut, muss ich mich nicht wundern, geschweige denn ärgern. Vielleicht sucht sie oder er ja dann gerade nach Zusatzinformationen, die ich nicht mitgeliefert habe. Die schönsten Erfahrungen mache ich als Referent aber in ungeteilter Aufmerksamkeit, wenn ich mich traue frei und ohne Präsentation oder Manuskript zu sprechen. Schaue ich Zuhörern direkt in die Augen, wenn ich versuche, ihnen etwas zu vermitteln, entsteht so etwas wie Nähe. Das scheint eine seltene Erfahrung geworden zu sein. eye-catching: Schau mir in die Augen, Großer weiterlesen

language matters: Es gibt keinen islamischen Staat

Erst war immer von ISIS die Rede, wie die ägyptische Göttin der Geburt und der Magie. Aber es blieb nicht auf den Irak und Syrien beschränkt. Muslimische Gegner nennen die terroristische Vereinigung auch Daesch, was sowohl als Akronym funktioniert als auch auf ein ähnlich klingendes abwertendes Wort anspielt und damit diskreditiert. Kalifat klingt dagegen irgendwie romantisch nach Tausend und einer Nacht. Ein Verwandter von mir, der in den USA lebt, spricht der Gruppierung den Rang von Terroristen überhaupt ab; die hätten wenigstens ein moralisches Ziel. Er wies mich auf den US-amerikanischen Komiker John Oliver hin, der die ganze Bande in einem Lehrstück politischer Satire in penetranter Wiederholung einfach als Arschlöcher erster Güte bezeichnet. language matters: Es gibt keinen islamischen Staat weiterlesen

digitales Gedankenlesen: No calls, please!

Im Grunde hat es schon mit den Anrufbeantwortern angefangen. Seitdem ist die Kommunikation immer verstellter, missverständlicher und letztlich verlogener geworden. Wer heute Mitte vierzig ist und überhaupt noch einen Festnetzanschluss hat, wundert sich, wenn er darüber von jemandem angerufen wird, der halbwegs so alt ist wie er selbst. Ich habe zwar noch heute ein schlechtes Gewissen dabei, aber ich schaue dann erst einmal, ob ich die Nummer erkenne (Plan A), um dann zu entscheiden, ob ich den Anruf annehmen will. Bei einer unbekannten Nummer neige ich dazu, erst einmal zu hören, wer das ist (Plan B). Umgekehrt ertappe ich mich regelmäßig dabei, dass ich mich freue, wenn ich selbst nur auf einen Anrufbeantworter sprechen kann. So telefonieren wir nicht selten aneinander vorbei. Im Grunde empfinde ich es impertinent angerufen zu werden. Es passt eigentlich nie. Und wenn ich es mir mal wirklich wünsche, dann kommt es nicht dazu. In letzter Zeit habe ich auch kaum noch Zeit, mich mit Freunden live und in Farbe zu treffen. Dann kommt es immer häufiger vor, dass ich mich per Email oder SMS für ein privates Telefonat verabrede. Das mag absurd klingen, passt aber zu meinem durchgetakteten Alltag.

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ein Signal: Vor dem schwarzen Bildschirm

Es sind genau zehn Bildschirme, die vor mir schweben. Links außen eine schrottige Doku über echte Polizisten. Daneben quält Dieter Bohlen junge Leute, die unbedingt berühmt werden wollen. Auf dem dritten und fünften Schirm laufen Berichterstattungen über die Anschläge in Paris. Dazwischen Musikvideos. Dann irgendetwas über Bauern. Ich bleibe hängen bei einer Fernsehserie über sechs krebskranke Jugendliche. Daneben irgendeine Folge der Filmserie Die Tribute von Panem, bei denen sich zur Unterhaltung der Zuschauer jenseits und diesseits der Bildschirme zum wiederholten Male zwölf Jugendliche gegenseitig abschlachten müssen. Und daneben verliert eine deutsche Jugendnationalmannschaft im Fußball gegen Italien. Der schwarze Bildschirm, vor dem ich auf einem der 40 Trainingsgeräte auf der Stelle trete, ist wohl kaputt gegangen. Er zeigt „Kein Signal“ an. Den habe ich mir ausgesucht, möglichst weit weg von den Nachrichten. Es erscheint mir als pietätlos hier dabei zuzusehen. Vielleicht ist es ohnehin geschmacklos, an diesem Sonntag Sport zu treiben. Aber ich weise meinen Gedanken zurück, dass uns genau diese Dekadenz zu einem probaten Feindbild macht.

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