„Mitgefühl ist eine instabile Emotion. Es muss in Taten umgesetzt werden, oder es verwelkt.“ Susan Sontag
Eine seriöse deutsche Wochenzeitung titelte gerade mit der Frage: Wie sollen wir das alles aushalten? Als Beispiele nennt sie Grönland und Gaza. – Ernsthaft jetzt? Was genau gibt es für uns da auszuhalten? – Angst und Hilflosigkeit? Mitleid und Ohnmacht? Der Gedanke, wir könnten die nächsten sein, die angegriffen werden oder angreifen?
Wie können erwachsene Menschen in diesem Land ernsthaft auf die Idee kommen, sie hätten furchtbar viel auszuhalten mit Blick auf die Toten und Verletzten, auf den Hunger und das Frieren, auf die Angst derjenigen, die all das direkt erleiden und weiter zu befürchten haben. Wie weltfremd sind wir nur geworden?
Längst meinen wir es ist ein Akt der Anteilnahme, wenn wir zu Nachrichten-Junkies werden und hypnotisiert vor unseren Bildschirmen verharren? Behaupten zu können, man sei sehr gut informiert, reicht nicht, um sich auf der richtigen Seite, in Sicherheit und engagiert wähnen zu können. Glauben wir es ist schon Empathie, wenn wir auf den Sozialen Medien unsere Solidarität zeigen, indem wir beispielsweise unser Profilbild in die Nationalfarben eines verletzten Landes kleiden oder zu Boykotten von Künstler*innen aus schrecklich scheiternden Staaten aufrufen?
Wenn wir wahlweise weinend oder wütend vor unseren digitalen Bildschirmen sitzen, anstatt aufzustehen und handelnd ins wieder ziemlich analoge Weltgeschehen einzugreifen, dann verhalten wir uns regressiv, um nicht zu sagen kindisch. Wenn es aber einen guten Grund gibt, sich dies nicht durchgehen zu lassen, dann sind es die Kinder. Wir machen sie krank mit der Zurschaustellung unserer Furcht. Wir verhalten uns so, als wäre es ein Naturgesetzt, dass ein Großteil der Heranwachsend*e wenn nicht nach der Pandemie so doch zumindest im Zuge der aktuellen globalen Krisen eine Depression oder Angststörung entwickeln müssten. Mit dem Herbeigerede von einer verlorenen Generation machen wir uns geradezu strafbar, weil wir ihnen das Gefühl geben, dass wir uns und auch sie damit längst aufgegeben haben. Und dabei gibt doch keinen schöneren Grund, Mut zu fassen, als für Kinder. Und das gilt auch für die, die selbst keine Kinder groß ziehen.
Der Artikel, der die Frage nach dem Aushalten stellt, liefert durchaus ein paar gute Gegenfragen und Antworten, wobei er mir unterm Strich zu verzagt und defensiv bleibt. – Mir ist ist durchaus bewusst, dass ich mich auf dünnem Eis bewege, wenn ich mehr Mut und Engagement von uns Bürger*innen einfordere. Aber so wird das nichts mit einer starken Demokratie und einem starken Europa. Für irgendetwas müssen wir tapfer und tüchtig kämpfen. Sonst werden wir bestimmt noch viel mehr zu erdulden haben. Spätestens wenn wir von inländischen oder ausländischen autoritären Kräften übernommen werden, wird es nicht mehr allein um ein Aushalten sondern um ein Erleiden gehen. Dann sind wir endlich die Opfer, als die wir uns jetzt schon zu Unrecht fühlen.